Wäre das nicht fabelhaft? Der Ernährungsrat Köln hat, wie andere Ernährungsräte in Deutschland ebenso, sich dieses Vorhaben auf die Fahne geschrieben und bringt Produzenten, Verbraucher sowie Politiker an einen Tisch, um gemeinsam über regionale sowie selbstbestimmte Ernährung zu sprechen. Ein spannendes Projekt! Ich habe Sarah Hündgen, eine der fleißigen Freiwilligen, zum Interview getroffen.

Was ist die Idee des Ernährungsrates?

Ganz kurz gesagt: Das globale Problem der Nahrungsmittelversorgung durch lokale bzw. regionale Strategien angehen und lösen. Das heißt, sich rückbesinnen auf Saisonalität & Regionalität, die Transportwege möglichst kurz halten und eine faire Entlohnung der Landwirte sicherstellen. Gleichzeitig möchte der Ernährungsrat sich auch bei den Themen der gesunden Ernährung  sowie der sinnvollen und umweltgerechten Nutzung von Flächen einbringen.

Wer steht hinter der Idee?

Grundsätzlich werden die Räte regional gegründet und organisiert. Hier in Köln war der gemeinnützige Verein Taste of Heimat rund um Filmemacher Valentin Thurn (Taste The Waste, 10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?) der Initiator. Es ist bereits das zweite Mal, dass Valentin Thurn aus einem in einem Dokumentarfilm beleuchteten Problem heraus eine mögliche Lösung entwickelt. Nach „Taste the Waste“ stellte er Foodsharing  auf die Beine, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren; und aus „10 Milliarden“ ist nun eben der Verein Taste of Heimat e.V. entstanden, der als ein Projekt den Ernährungsrat für Köln und Umgebung ins Leben gerufen hat.

Valentin Thurn vom Taste of Heimat e.V.

Valentin Thurn vom Taste of Heimat e.V.

Im Rat selber werden zu je einem Drittel Vertreter der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und der städtischen Verwaltung sitzen. Die Teilnahme am Rat und den Ausschüssen wird von den jeweiligen Mitgliedern ehrenamtlich übernommen.

Wo gibt es diese Ernährungsräte schon?

Wir haben uns in Köln an Beispielen aus den USA und Kanada orientiert. In Deutschland werden gerade in Berlin und eben hier in Köln Räte gegründet; in weiteren Städten wird geplant und überlegt. Wir hoffen natürlich auf viele Nachahmer!

Die Räte „planen“ wir in dem Sinne nicht, sondern sie gehen aus lokalen Initiativen hervor. Wir stehen aber natürlich für einen Austausch zur Verfügung und berichten von unseren Erfahrungen.

Wie ist die Organisationsstruktur des Ernährungsrats?

Der Ernährungsrat ist ein beratendes Organ, das aus 30 Mitgliedern besteht. Im Ernährungsrat sitzen jeweils zu einem Drittel Vertreter aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, sprich Landwirtschaft, regionale Händler, Verarbeitungsbetriebe, etc., um möglichst alle ernährungsrelevanten Interessen der Stadtgesellschaft abzudecken. Dieser Rat erarbeitet zu Themen, die selbst gesetzt oder von außen herangetragen werden, Handlungsempfehlungen aus, die an die Stadt weitergegeben werde. Der Rat steht als beratendes Organ im engen Austausch mit der Stadt und zeigt Standpunkte sowie Handlungsalternativen auf. [sam id=”4″ codes=”true”]

Die Mitglieder des Rates sind in der Ernährungsszene vernetzt und daran interessiert, eine langfristige Strategie für regionales und nachhaltiges Essen in Köln zu gewährleisten.

Der Ernährungsrat bildet Ausschüsse zu bestimmten Themen. Diese Ausschüsse erarbeiten Projektziele zu verschiedenen Themenschwerpunkten und erstellen Empfehlungen, die der Rat dann an die Stadtverwaltung weitergeben wird. Es besteht ein reger Austausch zwischen Ernährungsrat und den Ausschüssen, Themenvorschläge können sowohl aus dem Rat selbst entstehen als auch aus den Ausschüssen in den Rat hineingegeben werden – die dann eventuell wieder zur Bearbeitung zurück in die Ausschüsse gegeben werden.

Die Stadtverwaltung bekommt diese Vorschläge aus den Ausschüssen dann zur Prüfung und kann  davon etwas umsetzen, selbstverständlich kann keiner dieser Vorschläge bindend für die Stadtverwaltung sein.

Die Ausschüsse sind momentan in die folgenden Bereiche gegliedert: Direktvermarktung; Veranstaltungen; Bildung & Schulverpflegung; Urbane Lebensmittelproduktion/essbare Stadt. Jeder Ausschuss wählt 2 Vertreter, die im Ernährungsrat mitwirken.

Welche Themen werden in den Ausschüssen behandelt und wie kommen die dort „hinein“?

Ernährungsrat Logo KölnBei der konstituierenden Einführungsveranstaltung im März 2015 konnten dank der tollen Mitarbeit aller Anwesenden Themenschwerpunkte identifiziert werden, die für Köln besonders relevant sind und auf Grundlage derer die Ausschüsse gegründet wurden. Die Themen der Ausschüsse können vielfältig sein, orientieren sich aber natürlich an der jeweiligen Ausrichtung des Ausschusses, also:  Direktvermarktung; Veranstaltungen; Bildung & Schulverpflegung; Urbane Lebensmittelproduktion/essbare Stadt.

Die Ausschüsse könnte man vielleicht als thematische Foren bezeichnen, die sich alle 1-2 Monate treffen und ihre Themen bearbeiten. Die Themen orientieren sich an den Grundsäulen, aus denen heraus der Ernährungsrat gegründet wurde:

  • Die Versorgung der Stadt wieder regionaler zu organisieren. Diese Themen werden in den Ausschüssen Direktvermarktung und urbane Lebensmittelproduktion
  • Die Menschen über regionale, gesunde und umweltfreundliche Nahrung bzw. Lebensmittelproduktion zu bilden, sozusagen mündigeLebensmittelkonsumenten zu formen. Diese Themen werden dann eher in den Ausschüssen Veranstaltung sowie Bildung & Schulverpflegung
  • Der Ausschuss Ernährungsbildung & Schulverpflegung widmet sich auch den Themen der Versorgung von Großküchen (Mensen, Schulküchen, Kantinen) und demnach auch der Frage: Was isst die Stadt(Verwaltung)?
  • Im Ausschuss Bildung soll aber auch die tatsächliche Erziehung zu (regionaler) Ernährung vermittelt werden.

Der Ausschuss ist in seiner Tätigkeit innerhalb des jeweiligen Themengebietes sehr frei. Es kann zum Beispiel sein, dass der Ausschuss gerne drei Themen bearbeiten möchte und sich dafür die Mitglieder in diese drei Themenblöcke aufteilen und diese dann in Arbeitsgruppen separat bearbeitet werden, um dann hinterher wieder im Ausschussplenum vorgestellt zu werden.

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Gibt es Unterstützung von Bund/Land?

Um seine Ziele zu erreichen ist der Rat natürlich auf eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt angewiesen – schließlich wollen wir diese in puncto Ernährungsstrategie beraten. Inhaltlich arbeiten wir dennoch unabhängig und achten auch bei der Besetzung der Gremien (Rat und thematische Ausschüsse) auf die Vermeidung von potentiellen Interessenskonflikten. Unterstützt wurden wir bisher insofern, als dass die Gründungsveranstaltung in Kooperation mit der Stadt Köln organisiert wurde. Und auch die Oberbürgermeisterin Henriette Reker persönlich unterstützt das Projekt und befürwortet die Gründung stark, da sie aktiv für eine bessere Ernährung der Bürger und die Vernetzung von regionalen Händlern und Interessensgruppen eintreten möchte.

Was hat der Verbraucher davon?

Eine langfristig angelegte Strategie um seine Stadt mit lokal produzierten, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen, die zu fairen Bedingungen hergestellt und dennoch bezahlbar verkauft werden. „Damit Köln besonders is(s)t“

Wie kann man sich selbst engagieren?

Entweder thematisch durch eine Mitarbeit in den Ausschüssen, die Termine dieser werden in Zukunft auf der Seite des Ernährungsrates kommuniziert oder können per Mail an info@ernahrungsrat-koeln.de erfragt werden; oder in der Unterstützung der Organisatoren von Taste of Heimat e.V. – Kontakt über info@tasteofheimat.de. Ebenso freut sich der projektinitiierende Verein Taste of Heimat e.V. natürlich über Geldspenden und zahlreiche Mitgliedsanträge.

Was ist das Ziel? Was soll damit geändert werden?

Aus unserem Flyer: „Wir möchten wieder mitentscheiden, woher unser Essen kommt und wie es produziert wird. Ziel ist ein nachhaltig gerechtes, effektives und ökologisches Ernährungssystem, in dem die Wertschöpfung bei den kleinbäuerlichen Betrieben und dem verarbeitenden Handwerk bleibt. Dadurch wird die ganze Region lebenswerter.“

Wir möchten regionale Ernährungsstrategie entwickeln und die regionalen Verbraucher sowie Erzeuger stärken. Vernetzung von regionalen Anbietern untereinander sowie mit den Verbrauchern und der Stadt sind für uns ein wichtiger Aspekt des Ernährungsrates. Des Weiteren haben wir uns Aufklärung & Bildung der Konsumenten auf die Fahne geschrieben, wir möchten ein Bewusstsein für gesunde Ernährung, für regionale und saisonale Produkte schaffen.

Was ist deine persönliche Rolle beim Ernährungsrat Köln und was begeistert dich an der Idee besonders?

Es ist spannend zu sehen, wie weit wir wirklich einen Einfluss auf die Ernährungsstrategie der Stadt Köln haben werden. Das ganze Thema auf kommunaler Ebene zu diskutieren ist ja generell neu in Deutschland, dementsprechend erwarte ich einen gegenseitigen Lernprozess. Zu Beginn stehen sicherlich Vernetzung und Aufklärung im Vordergrund – langfristig wird sich dann hoffentlich eine selbstverständliche Ernährungspolitik etablieren.

Ich engagiere mich in den Ausschüssen zu Direktvermarktung (mit Verbraucher- und BWLer-Sicht) und Veranstaltungen (als Organisationstalent und kreatives Köpfchen) und unterstütze darüber hinaus den Vereinsvorstand von Taste of Heimat wo ich kann zum Beispiel der Organisation der Gründungsveranstaltung.

Mich begeistert vor allem, dass Bürger (Konsumenten und Produzenten) die Gestaltung ihres (städtischen) Lebens wieder ein Stück weit selbst in die Hand nehmen können. Und, dass die Werte Regionalität und Saisonalität endlich wieder den Stellenwert erhalten, der ihnen zustehen. Großartig zu sehen ist auch, wie viele Menschen wirklich engagiert dabei mithelfen möchten, eine regionale und gesunde Ernährungsweise in und um Köln herum zu etablieren.

Wie klappt es bisher?

Ich würde sagen dafür, dass wir uns aktiv in die Politik einbringen wollen – gut! Es bleibt aber natürlich abzuwarten, inwiefern das Momentum, das wir in der Vorbereitung auf die Gründungsfeier aufgebaut haben, in Entscheidungen auf städtischer Ebene verwandelt werden kann. Die Arbeit in den Ausschüssen wird aber wohl schnell erste sichtbare Ergebnisse bringen. Und diese Vernetzung funktioniert seit Anfang an hervorragend!

Valentin Thurn und Henriette Reker

Valentin Thurn und Henriette Reker

Vielen Dank, Sarah, für dieses sehr spannende Interview und alles Gute für den Ernährungsrat Köln. Auf, dass noch mehr Städte diesem Beispiel folgen werden!

Fotos: Monika Ewa Kluz 

Nora Hodeige

Nora Hodeige

Nora weiß, wie man sich mit der Diagnose Histaminintoleranz fühlt. Für dich ist sie daher immer auf der Suche nach histaminarmen Rezepten, gesunder Ernährung und so viel Entspannung wie möglich, damit auch du bald wieder essen kannst, was du möchtest. Mit ihren Tipps für Entspannung, Ernährung & Entgiftung auf allen Ebenen kannst du auch deinen Körper zurück zu einem gesunden Zustand führen: In Balance mit Körper, Seele und Geist.
Nora Hodeige

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